Welchen Stellenwert hat Dronabinol in Ihrem Praxisalltag und wer ist für Sie ein „klassischer Dronabinol-Patient“?

Dronabinol ist kein Medikament der ersten Wahl, deshalb ist der zahlenmäßige Stellenwert nicht so hoch. Allerdings leistet die Substanz für einzelne Fälle sehr gute Dienste. Patienten, die unter sehr ausgeprägten Spastiken leiden, welche auch mit konventinellen Therapien nicht ausreichend behandelbar sind, eignen sich für den Einsatz gut. Besonders gute Erfolge erzielt man auch, wenn zusätzlich stärkere Schmerzen im Rahmen der Spasmen vorliegen. Dronabinol ist somit eine wertvolle Hilfe in speziellen Fällen, aber sicher kein Mittel des täglichen Gebrauchs.

Würden Sie uns kurz eine Patientengeschichte schildern?

Vielleicht keine persönliche Geschichte, sondern eine allgemeinere Schilderung: Patientinnen und Patienten mit starker Spastizität leiden sehr unter krampfartigen Schmerzen der Beine. Es ist deshalb – durch Verschlechterung unter Wärmeeinwirkung – auch die Nachtruhe meist stark gestört und beeinträchtigt. Tagsüber ist der Gang durch den Spasmus stark erschwert. Die Besserung dieses einzelnen Symptoms durch Dronabinol erzielt damit also nicht nur bessere Erholung durch besseren Nachtschlaf, sondern auch höhere Leistungsfähigkeit tagsüber und Verbesserung der Gehleistung. Sekundär wird dadurch dann auch zB die Stimmung besser und damit natürlich die gesamte Lebenssituation.

Ein Therapieerfolg lässt sich auch anhand der Verbesserung der Lebensqualität messen. Welche Parameter sollten in ihren Augen zusätzlich im Therapieverlauf betrachtet werden?

Diese Frage erfordert eine „zwiespältige“ Antwort. Messungen unterschiedlicher Parameter sind wertvoll speziell für Studien, um Vergleiche von Gruppen zu ermöglichen. Im klinischen Alltag ist mit „Messungen“ der Lebensqualität nicht so viel anzufangen, einzelne Parameter bringen uns meist nicht weiter. Für die Betreuung von Menschen mit MS ist es wichtig, immer den ganzen Menschen mit all seinen Problemen und Wünschen zu betrachten, nicht einzelne Parameter herauszunehmen, sondern die Gesamtsituation geduldig zu erheben und gemeinsame Lösungen zu suchen. Das erfordert natürlich nicht nur Empathie, sondern auch Zeit und Aufwand, ist aber für eine qualitativ hochwertige Betreuung der bessere Weg.

Worauf muss beim Therapiestart- und -verlauf geachtet werden und wie stufen Sie das Nebenwirkungsprofil ein?

Insgesamt ist Dronabinol eine relativ gut verträgliche Substanz. Bei der Indikationsstellung ist zu beachten, dass keine schweren psychischen Erkrankungen oder Abhängigkeitsprobleme in der Vorgeschichte bestehen. Die Verabreichung soll langsam einschleichend erfolgen, bis eine passende Wirkdosis erzielt wird. Diese ist individuell sehr unterschiedlich und kann manchmal durchaus auch sehr niedrig sein. Unter Beachtung von langsamer Einleitung sind Nebenwirkungen – vorwiegend Müdigkeit, Schwindelgefühl, selten beschleunigter Herzschlag – selten und moderat.

Wie sind Ihre Erfahrungen in Bezug auf Verordnung und Erstattung der DronabinolKosten durch die Krankenkassen?

Prinzipiell unterliegt Dronabinol der Suchtmittelverordnung. Mit den Sozialversicherungsträgern ist eine Kostenübernahme durchaus vereinbar und wird mit einer nachvollziehbaren Begründung auch akzeptiert. Allerdings ist die Indikationsstellung nur in zweiter Wahl gegeben und es müssen vorher andere spezifische Medikamente in suffi zienter Dosis verabreicht worden sein. Sind die Bedingungen erfüllt, werden von den Sozialversicherungsträgern nach meiner Erfahrung die Kosten übernommen. Dies gilt allerdings für Dronabinol, für andere Cannabispräparate (zB Sativex) ist Kostenübernahme durch die Sozialversicherungsträger auf ganz extrem seltene Ausnahmefälle beschränkt.

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