Welchen Stellenwert hat Dronabinol in Ihrem Praxisalltag und wer ist für Sie ein „klassischer Dronabinol-Patient“?

Dronabinol hat in den letzten 2 Jahren in meinem Praxisalltag deutlich an Bedeutung gewonnen. Im palliativen Setting leiden die Patienten oft an mehreren, komplexen Symptomen wie Schmerzen, Atemnot, Inappetenz, Übelkeit und Schwäche. Zum Glück haben wir heute gute Behandlungsmöglichkeiten mit dem gezielten Einsatz von entsprechenden Medikamenten. Trotzdem erleben wir mit den Patienten immer wieder unsere Therapiegrenzen. Dronabinol fi ndet hier seinen wichtigen Stellenwert: Mit seinem Einsatz bevor Grenzsituationen erreicht werden. Der angespannte, ängstliche, wie gelähmt wirkende Mensch, aber auch der agitierte Patient mit Schmerzen („alles tut weh“), sollte Dronabinol erhalten, ebenso wie Patienten mit therapiebedingter oder krankheitsbedingter Inappetenz und Übelkeit, wenn andere Medikamente keinen Erfolg zeigen.

Würden Sie uns kurz eine Patientengeschichte schildern?

51-jähriger Mann mit rezidivierendem Analkarzinom, ausgedehnte Operationen mit Rektumamputation, anschließende Radio – Chemotherapie Anfang 2017. Zu diesem Zeitpunkt kam es zu starken neuropathischen Schmerzen im Becken/Leistenbereich. Mit Oxycodon konnte der Schmerz deutlich reduziert werden, zusätzlich erhielt er aber auch Dronabinoltropfen in einer Dosierung von 3x3 Tropfen. Gute Linderung („Die Schmerzen sind noch da, aber sie stören nicht so.“). Im Oktober dann Progress im Hilusbereich rechts, Kompression der Lungenvenen, mäßige Atemnot, Appetitreduktion. Angespanntheit und Nervosität bei vorliegendem Befund. Neuerlicher Start der Dronabinol-Gabe in folgender Dosierung: Morgens und mittags 1 Tropfen, abends und nachts je 2 Tropfen Dronabinol. Der Patient wirkt dadurch entspannter, der Schlaf ist verbessert und das Gewicht kann erhalten werden.

Ein Therapieerfolg lässt sich auch anhand der Verbesserung der Lebensqualität messen. Welche Parameter sollten in ihren Augen zusätzlich im Therapieverlauf betrachtet werden?

Auffällig ist oft eine gewisse Entspannung mit besserem Schlaf. Wir Ärzte sind es gewöhnt, dass wir nach einer medikamentösen Intervention schon den Effekt bemerken. Bei Dronabinol braucht es Geduld, Begleitung und Betreuung mit laufender Evaluierung. Erst im Gespräch können sich positive Erfahrungen ergeben, die als Parameter bewusst gemacht werden müssen und positiv verstärkt werden dürfen. Es ist wie eine positive Aufmerksamkeit für sich selbst. Dies kann dann auch bei fortgeschrittener Krankheit positiv auf die Lebensqualität wirken.

Worauf muss beim Therapiestart- und -verlauf geachtet werden und wie stufen Sie das Nebenwirkungsprofil ein?

Wichtig ist eine gute Anamnese bezüglich der Verträglichkeit von medikamentösen Vortherapien. Es gibt oft schon negative Erlebnisse, die einen Einstieg in eine neue Therapie blockieren können. Manche Menschen berichten über schlechte Vorerfahrungen mit  selbst besorgten Cannabinoiden (z.B. Halluzinationen, „sich daneben fühlen“). Über mögliche Überdosierung muss aufgeklärt werden. Wichtig ist es dabei, dem Patienten Sicherheit zu geben, niedrige Dosierung am Beginn zu erklären und die langsame Steigerung zu besprechen. Mögliche überzogene Erwartungen sollten relativiert werden. Auch immer wieder auftauchende Ängste vor Abhängigkeit müssen besprochen werden, unter Einbeziehung von Angehörigen. Wenn man sich an diese Grundsätze hält, ist das NW Profil nicht wirklich ein Problem.

Wie sind Ihre Erfahrungen in Bezug auf Verordnung und Erstattung der DronabinolKosten durch die Krankenkassen?

Die Zusammenarbeit mit den Kassen hat sich in diesen Jahren, speziell mit dem Blick auf die palliative Situation, sehr positiv entwickelt. Ich kenne jedoch Unterschiede von Bundesland zu Bundesland. Cannabinoide sind nicht einfach leichtfertig zu verordnen. Fachleute, die sich damit ernsthaft beschäftigen, werden begründbare Indikationen stellen. Es soll dabei eine Vertrauensbasis zu den Kassen hergestellt werden. Wir müssen die Patienten gut beraten, um nicht Verordnungen auf dem Boden nicht erfüllbarer Erwartungen zu schreiben (z.B. nur mehr Cannabinoide statt Opioide bei starken Schmerzen). In diesem speziellen Setting bedarf es für uns Ärzte sicher noch einiger Fortbildungen.

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