Welchen Stellenwert hat Dronabinol in Ihrem Praxisalltag und wer ist für Sie ein „klassischer Dronabinol-Patient“?

Cannabinoide sind in meiner Praxis seit 2001 gut verankert. 2003-04 konnte ich eine randomisierte, kontrollierte Studie zu diesem Thema umsetzen. Die Ergebnisse waren mehr als ermutigend, so hat diese Substanzklasse Einzug in den klinischen Alltag gefunden. In den letzten Jahren habe ich ca. 1000 Patienten auf Cannabinoide eingestellt, 700 davon sind in einem Register der letzten 10 Jahre erfasst und gerade in Auswertung, wofür ich meiner Tochter, Dr. Astrid Pinsger-Plank sehr dankbar bin. Cannabinoide sind eine Medikation für den niedergelassenen Bereich. Das Endocannabinoidsystem (alleine im ZNS mit ca. 11 Milliarden CB1 Rezeptoren vertreten) wirkt bei vielen Funktionen, abhg. der Ausgangssituation des Organismus, mit. Sanftes Einschleichen, moderate und sehr breite Wirkung und die Möglichkeit jederzeit abzusetzen zeichnen die Substanzgruppe im klinischen Alltag aus.

Würden Sie uns kurz eine Patientengeschichte schildern?

Patientin (70); unerträgl. Schmerzen trotz Morphinen, Antiepileptika, Antidepressiva und Neuroleptika; Diagn.: Höchstgradige Osteoporose; 5 WK–Brüche mit Gibbus machten Schlaf & körperliche Aktivität zunichte. 2009: Nach WK-Frakt. in meiner Behandlung, unterließ sie die Osteop.-Dauertherapie u. musste nun, 7 J. später mit der katastrophalen Situation zurecht kommen: Kein Arbeiten mehr im Garten, keine Reisen/längere Fahrten mit PKW. Gegen jeglichen Widerstand versuchte sie wieder in den alten Rhythmus zu kommen. Gespräche & vor allem der distanzierende Einfl uss des Dronabinols halfen maßgeblich. Tgl. 3x2,5 mg Dronabinol Kapseln brachte die Lebensqualität zurück: Nachtschlaf und Muskelentspannung, Distanziertheit zum Schmerz, Schmerzreduktion sowie der Crosstalk mit den Morphinen. Nach Wirkeintritt der osteoanabolen Therapie konnten die meisten Schmerzmedikamente abgesetzt werden. Dronabinol blieb: Offensichtlich für die ganz individuelle Patientensituation das Therapeutikum mit dem höchsten Nutzen/Risiko Verhältnis.

Ein Therapieerfolg lässt sich auch anhand der Verbesserung der Lebensqualität messen. Welche Parameter sollten in ihren Augen zusätzlich im Therapieverlauf betrachtet werden?

Dieser Fall zeigt deutlich, worum es beim Einsatz von Dronabinol geht. Die meisten chronischen Schmerzpatienten sind irgendwann mürbe, müde, erschöpft und hoffnungslos. Dieses Profil von Schmerz, Angst, Hoffnungslosigkeit, Muskelverspannung, Bewegungsunfähigkeit macht die besondere Wirkung aus und diese Parameter können auch ganz gut dokumentiert werden. Zu Beginn ist es Schlaf, innere Ruhe und Müdigkeit sowie Appetitsteigerung, die leicht zu erfragen sind. So erkenne ich persönlich meist schon nach wenigen Tagen den Responder. Später folgen jene Parameter, die mit psych. und soz. Veränderungen einhergehen: wie zB eine bessere Beweglichkeit. Wieder etwas unternehmen zu können, kann erst nach Wochen oder Monaten eintreten, je nach Aktivität des Patienten und dessen Umfeld. Schmerzreduktion kommt oft zuletzt, wenn der Patient wieder in Balance ist und sein Disstress sich gelockert hat.

Worauf muss beim Therapiestart- und -verlauf geachtet werden und wie stufen Sie das Nebenwirkungsprofil ein?

Nicht jeder Patient spricht auf Cannabinoide an. Ist er aber ein Responder, so halten sich die Nebenwirkungen in Grenzen. Müdigkeit, Mundtrockenheit, anfangs Schwindel und Unsicherheit. Der Beginn der Therapie ist etwas riskant. Viele schätzen die Wirkung falsch ein und sehen die Müdigkeit und die Ruhe, die sie nun erleben dürfen, als Nebenwirkung, die sie nicht erleiden wollen. Es ist notwendig den Patienten zu informieren, dass Cannabinoide nicht immer genommen werden müssen und dass der Anfang einer Therapie nicht das Endergebnis ist. Viele Gespräche und Führungsarbeit sind notwendig und Ausdauer gefragt. Wenn man als Arzt das Medikament voll ausschöpfen möchte, ist es von großem Wert anfangs regelmäßige Evaluierungen durchzuführen.

Wie sind Ihre Erfahrungen in Bezug auf Verordnung und Erstattung der DronabinolKosten durch die Krankenkassen?

Die Problematik der Kostenrückerstattung ist in vielen Fällen groß. Vor allem da, wo Schmerz nicht so sichtbar (Fibromyalgie, CRPS etc.) ist. Im Fall der Osteoporose – Patientin bedurfte es eines beherzten Schreibens des Facharztes, um die initiale Ablehnung aufzuheben. Vielen Schmerzpatienten ist jedoch die Bewilligung durch die Kassen verwehrt, da es keine einheitlichen Richtlinien gibt. Hier ist noch viel Arbeit und Aufklärung notwendig, um Dronabinol auch rechtzeitig zum Einsatz bringen zu können.

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